Sonntag, 17. Januar 2010

Ä.i.W.


Das ist seit dem 1.1.2010 die Abkürzung unter meinem Namen auf einem Namensschild an meiner linken Brustgegend auf einem weißen Kittel und verschaffte mir am zweiten Tage auch schon ein eigenes Zimmer und ein Telefon.
Ich bin jetzt Ärztin in Weiterbildung in der Psychiatrie. Das muss ich dann als Satz wohl einmal so darnieder schreiben. In den vielen Jahren meines Medizinstudiums habe ich mir oftmals meinen Kopf und die Windungen darinnen zerbrochen, welche Fachrichtung ich denn nun anstreben möchte. Viele Wege führen oft sonst wohin, meine Wege und meine Wünsche führten mich in diesen Fachbereich.
Wie viele Menschen um mich herum haben mir doch abgeraten, zu schwer, zu wenig klassische Medizin, zu wenig praktische Handhabe und und und, und "da wirst du doch selber zum Insassen!" All diese Gedanken in den Wind geschlagen, begeb ich mich nun jeden Morgen, zu ziemlich ungemütlich früher Stunde, aus dem Hause, ab in den Zug und die Straßenbahn, um meine Wirkungsstätte für die nächsten 5 Jahre zu erreichen. Nach 2 Wochen Dienst am Menschen kann ich hier postulieren, dass es sich nach einer richtigen Entscheidung anfühlt.

Ja, ich fühl mich manchmal ganz klein, wenn der Berg der Verantwortung doch so groß und die Tragweite der Entscheidungen einen noch nicht ganz abschätzbaren Bogen zieht. Zu jedem angehenden Mediziner kann ich nur sagen, es stimmt, was man landläufig so meint und dann auch ahnt, es ist alles anders, als im Studium. Man weiß nichts, man kann nichts und man muss da allein durch. Hält man den Kopf im Sturm jedoch aufrecht, gelingt es ganz gut, dass Schiff auf Kurs zu halten. Ich persönlich halte ein paar Hilfsmittel als nicht ganz unwesentlich bei dieser wilden Fahrt.

Bereite dich vor, treib es dabei jedoch nicht zu bunt, denn zu viel der Theorie vernebelt das Hirn. Lies Standardwerke. Die wunderbaren Werke, welche den Kolibris gewidmet sind und ach so interessant anmuten, schieb sie für den Moment weg. Dafür ist keine Zeit. Hör gut zu, mach dir viele Notizen, arbeite alles Schritt für Schritt ab, frag immer nach, wenn du unsicher bist - dafür sind die Oberärzte da und notfalls muss man sie ganz sanft daran erinnern. Gib den Schwestern keine Bühne zum Profilieren. Miteinander in gegenseitigem Einvernehmen ist perfekt und absolut fruchtbar für eine gewinnbringende Zusammenarbeit vor allem für den Patienten. Profitiere von der Erfahrung derer, die schon lang vor Ort arbeiten.
Sprich mit den Patienten, beobachte, höre zu, stell Fragen, sei mitfühlend, denk dich hinein und sei du selbst.
Haha leichter gesagt, als getan...

Mir persönlich hilft vor allem der Umgang mit den Patienten. Ich spreche viel mit ihnen, höre zu und beobachte. Man kann so viel entdecken. Die Psychiatrie ist entgegen vieler Meinungen eine exakte Wissenschaft, es gibt Definitionen für einfach alles und bei aller Theorie bleibt doch Raum für den Mensch und das gefällt mir. Ich habe Zeit, mir etwas länger Gedanken zu machen und es bleibt Zeit, die Diagnose zu formen. An jeden Anfänger: nicht verzweifeln, zu Beginn gelingt das nicht ganz so einfach, wenn man zwischen all den Diagnose bildenden Dingen hin- und her jonglieren muss. Da muss man erfahren, warum kommt der Patient, wie ist der Jetzt_Zustand, man soll einen möglichst genauen psychopathologischen Befund dokumentieren, dann gibt es noch Sozialanamnese, Familienanamnese, Allgemeinanamnese, Körperliche Untersuchung, Neurologische Untersuchung.....und und und....und was sind nun die Aufnahmediagnosen, was macht man mit dem Patienten, muss ich Gesetzgebungen beachten, welche Medikamente bekommt er und in welchen Dosierungen, wie funktioniert gleich noch einmal eines der 3 Computerprogramme zur Aufnahme des Patienten, zur Verschlüsselung der Diagnosen und wo verdammt gebe ich die angestrebten Untersuchungen ein??

Wenn ich es recht betrachte, liest es sich nach Chaos namens heillos, ist es aber nicht und deshalb gibt es hier an dieser Stelle demnächst immer ein wenig mehr Licht im Dunkel des Alltags eines Anfängers.

Ahoi und bis dahin.

Die Ä.i.W.

Kommentare:

André hat gesagt…

hallo jana, ziehe den hut vor dir. lieber arbeite ich an den dingen. mache ich etwas falsch so lässt es sich beheben. zur not mit einem "reset" der entscheidungen. das dürfte bei deiner arbeit nicht möglich sein. alles was du machst zeigt eine wirkung, die nicht mehr umzukehren ist.
wünsche dir, dass du deine neugier und auch deinen drang zur richtigen entscheidung lange behalten kannst.
liebe grüße und ich drücke die daumen,
andré

kleinesscheusal hat gesagt…

Liebste Kirsche,

ich freue mich wirklich sehr zu lesen, in welche Richtung Du Dich aufgemacht hast, das echte Leben durchzustehen!
Du kannst Dir vielleicht vorstellen, wie gut mir persönlich die Fachrichtung gefällt und ich weiß, wie groß der Bedarf an Kirschies in den Psychiatrien ist!
Ich musste schon schmunzeln, als ich von Zimmer und Telefon las und sah Dich direkt, mit kampflustig vorgrecktem Kinn, den nächsten potentiellen Ansprechpartner fixieren und ihn erst wieder mit einem durchaus wohlwollend gemeinten "Na geht doch!" frei gibst, wenn Du hast, was Du Dir vorstellst.

Ich wäre sehr froh, wenn unsere noch kleine und zarte Freundschaft, durch ein EchtLebenTreffen vielleicht sogar noch in diesem Jahr, von Freude und Frische erfüllt würde.

Ich werde Dir hier weiter folgen und vielleicht ne neue Rolle für Dich in die nächste Greys Anatoms-Staffel schummeln.

Fühl Dich umarmt!
Ich werde Dich besonders in den nächsten 3 Tagen sehr vermissen.