Dienstag, 28. Januar 2014

Kinder folgen keinem Maßstab

Da ich nicht mehr zu den in den 20ern Mamis gehöre, standen bei uns im Verlauf der Schwangerschaft die Fragen nach weitergehenden diagnostischen Untersuchungen an. Dabei erwies es sich eben nicht unbedingt von Vorteil selber Ärztin zu sein. Ich verließ mich eine gute Weile auf mein sehr gutes inneres Gefühl und verdrängte all die Sorgen, welche im Zusammenhang mit der großen Frage nach der Gesundheit des kleinen Wesens zusammenhängen. Mein Bauch sagte mir, Baby ist gesund und munter, hat 10 Finger und 10 Zehen, die Nase ist dran und alles andere stimmt auch.
Der Besuch beim Feindiagnostiker wurde als eine Art Kür angesehen und als ein Tag an dem der Vater in spe sein kleines Kind mal fast scharf sehen könne. Nach der Untersuchung eröffnete uns der Kollege, dass soweit alles gut sei, jedoch gebe es eine deutliche Auffälligkeit und eine, weniger auffällige. Auffälligkeit Nr. 1 könne er nicht ignorieren und diese würde unsere Wahrscheinlichkeit, eine Kind mit einer Trisomie auf die Welt zu bringen, deutlich erhöhen. Plastisch machte er diese Infos anhand einer Exceltabelle.
War das ein ekelhafter Moment. Mein Kopf begann mit meinem Bauchgefühl zu streiten, schimpfte drauflos und begann die Gefühle durcheinander zu wirbeln. In den kommenden Tagen hatten wir Zeit, alles zu bedenken und zu besprechen. Dabei erwies es sich von großem Vorteil, dass wir mit einem sehr engen Freund auf eine kurze Reise gingen und diverse Standpunkte erörtern konnten. Sollen wir weiter Diagnostik vornehmen lassen, reicht eine genetische Beratung, sollen wir alles so lassen, wie es ist? Was bedeutet ein Kind mit Trisomie, was eines ohne? Können wir das schaffen? Wollen wir das schaffen? Was macht das mit unserem Leben? Was macht das mit unserem Lebensentwurf? Was bedeutet das für eventuelle weitere Kinder?
Dabei war wieder mein Arztdasein die eher abschreckende Komponente. Ich arbeite als Ärztin in Weiterbildung für Psychiatrie und Psychotherapie und in den Bereitschaftsdiensten versorgen wir die gesamte Klinik inclusive einer Station für körperlich und geistig eingeschränkte Menschen, welche zusätzlich psychiatrische Diagnosen aufweisen. Ich bin sehr gern in der Nacht dort, denn ich bewundere die Arbeit des Personals auf dieser Station sehr und viele Patienten sind einfach herzerwärmend. Nichts desto trotz erlebe ich auch dort mal Grenzsituationen, welche Angst machen und uns an unsere Grenzen bringen. Eine sehr einprägsame war mit einem jungen Mann, welcher eine Trisomie 21 aufwies. Was ich da erlebte, hat mich lange beschäftigt.
Im Gegensatz dazu, ist mir eine Patientin aus meinem Praktischen Jahr in Erinnerung, welche für die Trisomie 21 eher ungewöhnlich, bereits Ende 50 war und in der Klinik für Innere Medizin zu diesem Zeitpunkt behandelt wurde. Ich werde nie vergessen, wie sie jeden Morgen zur Visite fröhlich vom Bett sprang und mich nach einigen Tagen begann, zu umarmen. Das war so warm und echt, einfach schön.
Unsere ganz persönlichen Entscheidungen hinsichtlich weiterer Diagnostik und sich daraus ergebenden Folgen, möchte ich hier nicht niederschreiben. Nur so viel, unsere Tochter weist keine Trisomie auf und nach der Schwangerschaft erfuhr ich von meiner Schwägerin, dass deren kleiner Sohn, heute drei Jahre alt, die gleiche Auffälligkeit in der Feindiagnostik zeigte. Er hat ebenfalls keine Trisomie.

Wir respektieren jede Familie und deren Entscheidungen und sind fest davon überzeugt, dass ein jeder diese nur für sich selbst treffen kann. Gute, echte Freunde zu haben und eine Familie, die unterstützt, helfen dabei ungemein.

Einen schönen Dienstag, mit Schnee in B.

J.





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